Zu fett für Cosplay?!

Ein Gamertagebuch Teil 2

Das heutige Thema ist etwas ernster und persönlicher als sonst. Da es mich jedoch derzeit stark beschäftigt, indirekt mit Gaming zu tun hat und ich den Drang hatte darüber zu schreiben, möchte ich hier in meinem Blog davon erzählen.


Cosplay.

Dieses kleine Wörtchen versetzt mich seit Jahren immer wieder in Begeisterung. Und seien wir mal ehrlich: Videospielmessen sind doch die Hightlights im Gamerleben! Und die Cosplay-Szene gehört natürlich dazu und gibt dem Ganzen eine gewisse Würze.
Jahrelang wäre ich zu gerne auf Gamescom und ähnliche Events gegangen, hatte aber als Studentin nie das nötige Kleingeld für Kostüm, geschweige denn überhaupt Ticket und Anreise.
Als ich dann letztes Jahr zum ersten Mal auf der Gamescom war, faszinierten mich die Kostüme der Cosplayer sehr. Ich war begeistert, wie viel Arbeit und Liebe fürs Detail bei den meisten steckten. Mir persönlich fehlten für letztes Jahr aber drei Dinge:

  1. Eine Entscheidung als welchen Charakter ich gehen möchte.
  2. Die Zeit ein Kostüm vorzubereiten. Man will ja auch zocken und so.
  3. Mut.

Mittlerweile denke ich, dass der Hauptgrund Punkt 3 war und die beiden ersten eher vorgeschoben waren. Viele Cosplayer verstehen dies vielleicht nicht, weil sie ihr Kostüm mit Selbstvertrauen tragen. Andere wiederrum fühlen sich in Verkleidung eben auf verkleidete Weise unwohl, weil das ungewohnte Outfit Unsicherheiten weckt:

heart-bullet „Ist mein Kostüm erkennbar/gut/detailgetreu genug?“
heart-bullet „Wie sehe ich wohl für die anderen aus?“
heart-bullet „Irgendwie merkwürdig plötzlich einen Rock zu tragen, wo ich sonst nur Jeans trage“
heart-bullet „Irgendwie merkwürdig mit dem vielen/wenigen Make-Up im Vergleich zu sonst.“

Diese Liste lässt ganz klar noch weiter führen. Ich persönlich würde mich als ein Zwischending der beiden genannten Gruppen einordnen. Schon als Kind habe ich mich wahnsinnig gerne verkleidet und mich damit sehr wohl gefühlt. Mir hat es immer gefallen anders als „normal“ auszusehen. Normal war für mich Standard, eintönig, langweilig. Selbst jetzt, wo ich „Erwachsen sein“ und eine gewisse „Ernsthaftigkeit fürs Leben haben“ müsste, hat sich diese Einstellung zu Normal nicht geändert. Ernsthaftigkeit?? Erwachsen sein?! Wer denkt sich eigentlich so nen Scheiß aus? 😉
Wer mich persönlich kennt, der weiß, dass ich meinen eigenen Stil habe, der irgendwo zwischen Dark Romance, Goth und ein wenig Metal angesiedelt ist und der je nach Stimmung auch mal kurzfristig ins Knallig-Bunte variieren kann. Schubladendenken gibts bei mir nicht. Stur und hirnlos einem bestimmten Stil nacheifern auch nicht.

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heart-bullet Halloween heart-bullet

Ich denke, das ist ein Grund dafür, dass ich mich gerne an Halloween verkleide – denn wann kann sich jemand mit Hang zur schwarzen Szene mehr austoben? So kam es, dass ich letztes Halloween mit meinen Freunden in Stuttgart unterwegs war, wo zwar jeder im Normalo-Stil feiern und Saufen war und man außer Jeans und Standard-Klamotten kaum Kostüme zu sehen bekam. In dem Moment habe ich mir kurz gewünscht, in einem Land zu leben, in dem Halloween-Verkleidung nicht nur „was für Kinder“ ist. Schrecklich eigentlich, dieses Denken „Is für Kinder“. Ich finde, was einem Spaß macht ist für alle. Und wenn es Zocken, Lego, Schaukeln, Zeichentrick oder Verkleiden ist. Who the fuck cares?!
Mir waren die Blicke dieser 0815-Feiernden anfangs unangenehm, aber schnell genoss ich es, einfach anders auszusehen und mich ausleben zu können. Schaut man in die Gesichter dieser Menschen, sieht man deutlich, dass es selten Missbilligung ist, sondern eher Neugierde, Belustigung, Interesse oder sogar Staunen oder Anerkennung. Selten kommen auch Komplimente oder Eingeständnisse „Ich find so was toll, aber hätt mich das nicht getraut.“ So gehts es mir besonders seit ich lila Strähnchen habe, die immer wieder nach 1-2 Wochen in Türkis übergehen, ehe ich nachfärbe.

Dieselbe Beobachtung habe ich in einem anderen Hobby gemacht: Mittelalter-Reenactment. Eine Zeit lang habe ich mit Freunden auf Mittelaltermärkten und –events gelagert und ziemlich originalgetreu das Leben des 9. Jahrhunderts n. Chr. nachgestellt, bis ich aus Zeitgründen leider aufhören musste und nur noch verkleidet die Mittelaltermärkte tagesweise unsicher mache. Auch hier macht mir das Verkleidet-Sein riesen Spaß, selbst wenn es nichts mit Fantasy oder schwarzer Szene zu tun hat. Auf Letzteres kommt es mir beim Verkleiden auch gar nicht an. Verkleiden heißt ja im Grunde genommen etwas Neues, etwas Anderes zu tragen, als den alltäglichen eigenen Stil.

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Doppelleben als Haithabu-Wikinger 😉

Für mich geht das Ganze jetzt eine Stufe weiter in Richtung Cosplay. Einerseits eine weitere Gelegenheit, mein Leben um weitere Verkleidungsmöglichkeiten zu erweitern. Andererseits bastle ich auch sehr gern. Ja genau, richtig gelesen. Basteln! Ich weiß, dass man beim Basteln nicht zocken kann. Bzw. beim Zocken normalerweise nicht basteln kann. Aber man muss für höhere Ziele eben auch mal auf Gaming verzichten.

Und dabei kommt der Mut ins Spiel. Wer sich die Fotos in diesem Text genau angesehen hat, der sieht, dass ich nicht nur nicht den gängigen Schlankheitsidealen entspreche, sondern auch mehr auf den Rippen habe als die Frauen, die eigentlich kurvig-sexy und toll aussehen, sich aber zu fett finden und zu Hungerhaken im Model-Stil runterhungern möchten.
Ich habe die letzten Monate viel überlegt und gegoogled. Sucht man Fotos von Cosplayern, findet man meist sexy, schlanke Frauen mit viel nackter Haut und wenig Stoff drum herum. Denke ich über Spiele nach, die ich mag, fällt mir auf, dass 99% der Charaktere schlank oder sogar schon bedenklich/unrealisitisch magersüchtig gestaltet sind. Dramatisch gestimmt, wie ich manchmal bin, begann ich nach Stichworten wie „Fat Jaina Proudmoore“ oder „Fat Zelda“ zu googlen. Dabei kam ich oft nicht zu zielführenden Fotos, sondern eher auf abschreckende Negativ-NoGo-Beispiele, wie man es nicht machen sollte. Es sei denn, man möchte sich möglichst schnell und effektiv lächerlich machen.

Nachdem meine Motivation damit erste Dämpfer abbekommen hatte, begann ich weiter zu recherchieren. Was macht ein gutes Cosplay aus? Viele Cosplayer würden sagen, das ist ganz klar die original- und detailgetreue Umsetzung des Charakters in die Realität. Und sie haben meiner Ansicht nach Recht. Kann ich dennoch als dicker Mensch etwas anderes cosplayen als Ellie aus Borderlands 2? (Die übrigens extrem cool ist!) Muss ich als Pokéball oder Relaxo gehen? Hier scheiden sich die Meinungen in den Cosplay-Foren. Einige sagen, man solle sich dicke Charaktere suchen; andere sagen es reiche aus, wenn man auf Minirock und zu viel freie Haut verzichte. Einige wenige Vollspacken sagen, Cosplay sei „nix für fette Leute“ und „man solle doch abnehmen“. Wiederrum andere meinen, solange das Cosplay qualitativ gut umgesetzt und originalgetreu mit vielen Details sei, spräche nichts dagegen, wenn man als fülliger Mensch einen schlanken Char cosplaye.

BL2 Ellie
Ellie! Auch wenn sie cool ist, ich verzichte auf die extra Polster, unter denen es sicher übelst heiß werden kann, im August auf der Gamescom 🙂

Bei mir persönlich hat sich beim Lesen dieser Foren folgende Meinung herauskristallisiert: Ich stimme der letzten genannten Meinung voll und ganz zu und muss es noch um einen weiteren Punkt ergänzen. Und zwar um diesen: Wer zum Teufel  ist berechtigt mir vorzuschreiben, was ich mit meinem Körper darstellen darf und was ich anzuziehen habe?! Mal ehrlich! Ästhetik hängt immerhin nicht von der Körpermasse ab! Dazu gehören wesentlich mehr Faktoren. Was ich selbst cosplayen darf, liegt allein an mir und meiner Einstellung.

Nach diesem Klick-Erlebnis bin ich am Überlegen, welchen Charakter ich darstellen möchte und seit dieser Woche formt sich die Idee zu einem konkreten Bild. Aus allen potentiellen Video-Spielcharakteren habe ich endlich einen ausgesucht. Die Frage ist nur noch, ob ich ihn originalgetreu mache, oder eine Steampunk-Variante (ich liebe Steampunk! heart-bullet).
Ich freue mich sehr darauf, das Kostüm zu entwerfen, zu nähen, die Waffen und Accessoires zu basteln und es bei der Gamescom zu tragen. In vielen Jahren habe ich gelernt, mein Goth-Alltagssoutfit, meinen geliebten langen Ledermantel und auch mein Mittelalteroutfit in der Öffentlichkeit zu tragen und auf die Blicke der Menschen mich nicht mehr verunsichert zu reagieren, sondern es eher stolz zu tragen und mich in meinem Selbstbewusstsein bestärkt zu fühlen. Und genau das werde ich in meinem Cosplay auch. Auf der Gamescom 2016!

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