Von Fabelwesen und Gamerkrankheiten

Ein Leben als Frau unter pubertären Gamern – Teil 2

Es ist schon irre lustig, was man als Frau in Online-Spielen erlebt und wie die Männerwelt auf einen reagiert, sobald man nur das kleinste Anzeichen dafür anklingen lässt, dass man weiblich sein könnte. Nach meinem letzten Beitrag zu diesem Thema, habe ich lange und intensiv nachgedacht und muss meine Theorie um eine Kleinigkeit ergänzen: Der typische 0815-Gamer ist ein Mann jedes Alters, der bei Mami und Papi im Keller wohnt und den ganzen Tag zockt. So weit, so richtig. Aber zudem hält er Frauen für ein nicht existentes Fabelwesen. So wie wahlweise den Weihnachtsmann, den Osterhasen oder Einhörner – aber halt ohne Sack, Eier oder langes Ding – wenn ihr versteht was ich meine… gnihihi. Manche glauben an Frauen, andere nicht. Was ich damit meine, möchte ich an zwei realen und anschaulichen Beispielen erklären, die mir exakt so passiert sind.

Ganz ganz früher, als WoW noch jungfräulich war, was später verklärt als „Vanilla WoW“ bezeichnet wurde, kam ich in eine neue Gilde, mit der ich raidete. Und nachdem ich während eines Raids etwas im TS gesagt hatte, hatte ich plötzlich diesen Holy-Priest an mir kleben. Kennt ihr das, wenn ihr mit nackten Füßen auf einen Lolli tretet und das Ding selbst nach intensivem Schütteln nicht mehr abgehen will? Nein? Geht wahlweise auch mit Kaugummis, Klebebandresten, Hundescheiße oder Kondomen. So. Wer jetzt noch sagt, er kenne das Gefühl nicht, der lügt.

Genau so war es mit diesem Kerl. Es folgten hoch-intellektuelle Aussagen wie

heart-bullet „Du bist ja weiblich.“
heart-bullet „Du klingst voll süß.“
heart-bullet „Du hast voll die sexy Radiostimme. Sag mal mehr!“

Und da war sie, die sexy Radiostimme. Ich saß nur kopfschüttelnd am PC, freute mich aber auch irgendwie. Als Frau kann man ja meist gar nichts an sich selbst leiden und dazu gehören insbesondere: die eigenen Haare, Schuhgröße, Cupgröße und/oder die Stimme.

Über mehrere Wochen hinweg durfte ich mir anhören, was für eine geile Stimme ich doch habe und ich solle doch bitte mehr reden, damit jeder diese engelsgleichen, harmonischen Töne hören könne – is klar, ich hol nur vorher meine Kotztüte, weil mir von dem vielen Geschleime ja schon schlecht wird.

Wie das Leben aber so spielte, bekam er irgendwann diese merkwürdige Krankheit. Ihr kennt das sicher auch. Ich meine die Krankheit, bei der eure Mitgamer plötzlich sagen, sie „können nicht mehr so viel zocken wegen RL“ oder so ähnlich.
Schlimm so was. Mir tut jeder leid, dem es so geht und ich wünsche ihm gute Besserung und eine rasche Genesung. Immerhin handelt es sich dabei um die schlimmste Form von Schizophrenie. Die Erkrankten glauben ernsthaft, es gäbe „eine andere Welt“, die „realer“ wäre als die Spielwelt. Eine Welt, in der man Leistungen bringen und vernünftig und nützlich sein müsse *schock* Ich hab schon zu viel gesagt. Wenn ihr so einen trefft, dann lauft. Es ist nämlich hochgradig ansteckend.

Ungefähr ein Jahr später waren mein Freund (im Sinne von „fester Freund“, „Lebens(abschnitts)gefährte“, „Der Typ, der in meiner Bude wohnt und mir meine Schoki weg futtert“) und ich bei einem damaligen WoW-Kumpel zu Besuch, der mit seinen Freunden und uns eine Runde Pen&Paper spielen wollte. Ohne PC oder Konsole. Soll es wirklich geben *grusel* – auch wenn ich es bis dahin immer für ein Gerücht von an RL erkrankten Menschen gehalten hatte. Wir saßen um den Tisch herum und ich sagte etwas, worauf mich der eine mit großen Augen anstarrte und zitternd auf mich zeigte „Du… du bist die sexy Radiostimme aus WoW!“
Ich wusste in dem Moment, ich hatte den Kerl mental entjungfert. Er hatte in dieser Sekunde zum ersten Mal bewusst eine Frau gesehen und wahrgenommen. Gern geschehen 🙂

Es gibt aber auch ganz andere Fälle: schwere Fälle von Tittenresistenz. Dabei handelt es sich auch um eine ernste Krankheit. Eine üble Krankheit, die fast noch schlimmer ist als das RL-Syndrom.
So eine arme Seele lernte ich nachts bei einem gemütlichen Dungeon-Abend, mit meinem Freund und einem Kumpel aus meiner alten Gilde, kennen. Wir drei waren im TS nebenbei am Plaudern, als einer der beiden fremden Spieler, plötzlich irrsinnig nervte, er möchte mit uns in ein TS zur Absprache.

Als er dann im TS war, führten wir unser Gespräch ganz normal weiter, was dann aber von einem Lachanfall unterbrochen wurde. Der Lachanfall mündete in folgendes Gespräch:

Fremder Typ: „Sag mal, warst du schon im Stimmbruch? Wie alt bist du? 10?“
Sunny: „Nein, ich bin eine erwachsene 22-jährige Frau.“
Fremder Typ: „Lol nee, kann nicht sein. Du bist 12 und verarschst mich“
Sunny: „Du, eigentlich war ich grad vor der Ini noch auf Toilette und hab mich definitiv als weiblich wahrgenommen.“

*facepalm*

roar

Die Diskussion dauerte am Ende so lange, wie der ganze Run. Und wer Scholomance zu Classic-Zeiten kannte, der weiß, dass das nicht kurz war.
Er wollte mir jedenfalls bis zum Schluss nicht glauben, dass ich wirklich kein Junge bin.
Das hängt mir noch jetzt, 10 Jahre später, nach. Ich hatte auf voller Linie versagt und habe die arme Sau nicht retten können. Selbst heute bin ich noch fassungslos und frage mich, ob der bemitleidenswerte Kerl verwirrt durch die Straßen irrt. Und zwar auf der Suche nach dem Fabelwesen Frau, die ihm sogar ihre Titten ins Gesicht klatschen könnte und er würde es nicht mal bemerken. Diese Vorstellung macht einen doch traurig, oder?

Allen männlichen Gamern da draußen möchte ich hiermit zum Abschluss Hoffnung geben: Es gibt uns wirklich. Wir sind real.

Liebe Grüße,
eure Sunny, das Einhorn (ohne Sack oder Eier – und natürlich meine ich damit den Weihnachtsmann und Osterhasen)

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

You may use these HTML tags and attributes:

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>