Prepare to Life

Die Geschichte einer chronisch kranken Gamerin

Manchmal wirkt jeder Tag gleich und man driftet ab ins Alltagsgrau: Frühs aufstehen, waschen, anziehen, frühstücken. Dann ab zur Arbeit ins Büro, wo man sich den Arsch in einer tristen grau-blauen Umgebung platt sitzt, während man Tag für Tag sinnlose Exceltabellen erweitert und sich dabei zu Tode langweilt. Allerdings nur, wenn man sehr viel Glück hat. Denn bei mir sind es keine Excel-Tabellen, sondern nur öde Word-Dateien.

Was gibt es dann Schöneres, als abends heim zu kommen, sich bei dem aufkommenden Herbstwetter in eine Decke aufs Sofa zu kuscheln, begleitet von einem heißen Kaffee und leckeren Keksen oder Schoki. Das leise Surren der PS4 lässt Vorfreude aufkommen. Der Controller liegt mit vertrauter Schwere angenehm in den Händen. Das Spiel startet. Die Sounds im Menü triggern nostalgische Emotionen.
Ich bin zurück. Zurück in Lordran und grinse glücklich über das ganze Gesicht. Mutig gehe ich meinen Weg vom Firelink-Schrein und töte mich in Richtung Lower Undead Burg vor. Jedes Skelett ist mehr wie ein alter Freund statt nur Gegner. Eigentlich könnte ich ihnen Namen geben: Bernd, Karl-Otto, Adelgunde, Gretbert, Erwin, Siglinde… Die Euphorie kennt keine Grenzen, bis ……

„Verf***** Sch**** so ein verd****er H****sohn! F*** deine Mutter du W****er und fahr zur Hölle, wo du Eselschw**** lutschen darfst1, du Dr***sack!!!“

Haggy atmet hörbar ein, regt sich aber an seinem PC kaum, zockt weiter sein Heavy Rain. Drama im Monitor und außerhalb jetzt auch. Er kennt das schon. Ich fluche vor mich hin, bis ich heiser werde. Versuche immer wieder in dem mir so verhassten Burgviertel diese blöden Köter und hinterfotz…listigen Assassinen zu töten. Vergebens. Nostalgie und Euphorie weichen dem altbekannten Frust.
Ich liebe es! Keine Ironie. Tödlicher Ernst.

Ohne Scheiß, ich liebe Dark Souls und bin glücklich, es endlich wieder spielen zu können. Meine ersten Schritte in Lordran machte ich vor genau zwei Jahren auf meinem PC. Dann kam ein anderer, zunächst unbesiegbar erscheinender Boss in mein Leben. Frühling 2016 dachte ich, ich hätte mir im Frühling durch verkrampftes Street Fighter V die Gelenke und Sehnen in den Händen geschrottet. Im Herbst war ich dann nicht mehr ansatzweise fähig, einen Controller länger als eine halbe Stunde schmerzfrei zu halten. Meine Finger, Hände, Handgelenke, Arme, Schultern, ach alles tat einfach nur noch weh.


Dark Souls Remastered: Man glaubt nicht, wie sehr ich diese Assassinen hasse….

Der Boss sollte Fibromyalgie heißen, wie ich im Sommer 2017 erfuhr. Und ja, er ist so garstig, wie er klingt. Chronischer Ganzkörperschmerz mit starken Erschöpfungszuständen und ständigem Gefühl, als stände man im Nebel. Dazu noch eine Reihe kleiner, ebenso biestiger Symptome, auf die ich an dieser Stelle nicht näher eingehen möchte. Natürlich saß ich schon lange Jahre vor 2016 wegen dieser Symptome erfolglos bei Ärzten. Das Gemeine ist nämlich, dass man die Krankheit nur schwer nachweisen kann. Was bisher irgendwie ging, spitzte nun sich mit ungewohnter Intensität zu.

Ich war lange Zeit am Ende. Manche Abende zu fertig zum Zocken, aber zu schlaflos zum Schlafen. Auch ein Symptom dieser Krankheit. Einen Controller halten ging nicht lange. Mit Maus und Tastatur am PC zu spielen tat auch nach einer Weile am ganzen Körper weh. Dazu ein schweres Spiel wie Dark Souls, bei dem ich alles anspannte? Undenkbar. Unmöglich. Diese Zeiten waren Prof. Layton und Pokémon Mond meine treuen Begleiter.

Schwierige Spiele liebte ich schon immer. Ein Grund, wieso mich Dark Souls, Nioh & Co. so sehr reizen. Mein liebstes war seither Super Ghouls & Ghosts. Ausprobieren, verrecken, aufstehen, von vorn. Dieses wahnsinns Gefühl, wenn man es schaffte, das Spiel zu schlagen. Nicht aufzugeben, wo andere schon keinen Bock mehr hatten.
Jetzt stand ich im Real Life vor dieser Herausforderung. Nur, dass es diesmal kein Spiel war, sondern purer Ernst. Es gab viele Tage in den zwei Jahren, an denen ich aufgeben wollte. Mir ging es zwar dreckig ohne Ende, aber arbeiten gehen musste ich, um mein Leben bestreiten zu können und meinen Job zu behalten. Immer an der Kante, geschlagen mit einer relativ unerforschten Krankheit, die derzeit als unheilbar gilt und die Lebensqualität stark einschränkt. Könne sie mit mir reden, würde sie es wohl so:

„Du willst Gitarre spielen? Lol, vergiss es, hier haste noch mehr Schmerzen. Wie? Jetzt willste Zocken? Komm, du brauchst noch ein paar Kopfschmerzen oben drauf. Du gibst immer noch nicht auf und liegst mit dem DS auf dem Sofa?! Kannste knicken. Ich hab ne ordentliche Portion Erschöpfung für dich. Sei froh, dass ich dich jeden Tag deine 6 Stunden arbeiten lasse.“ 2

Aufgeben war nie meine Stärke. Also habe ich etwas gemacht, was ich scheinbar gut kann, wenn mir die Alternativen ausgehen: Aufstehen und weitermachen. Dabei habe ich auch herausgefunden, wie ich diesen fiesen Real-Life-Boss, zwar nicht besiegen, aber dennoch austricksen kann. Möchte ich annähernd so fit sein, wie gesunde Menschen, muss ich mehr für meine Fitness machen als der gesunde Mensch selbst. Das bedeutete Ernährungsumstellung, Abnehmen und Sport. Anfang 2018 bemerkte ich dann, wie sich gerade Kraftsport mit schweren Gewichten positiv auf meine Schmerzen auswirkte. Sie sind zwar immer noch zahlreich da, aber ich bin leistungsfähiger, fitter, wacher, aktiver geworden. Meine Devise wurde Dranbleiben und Schmerz mit Schmerz bekämpfen.


Allein schon die Palicos (Katzen) machen Monster Hunter World sehenswert 

Im Umkehrschluss kam ich darauf, dass Schonen, sich in Watte zu packen, liegen zu bleiben, bei dieser Krankheit definitiv nicht hilfreich ist. Als im Februar Monster Hunter World auf die PS4 kam, gab es keine Alternative. Ich musste den Controller in die Hand nehmen und stundenlang zocken. Egal wie sehr alles schmerzte. Das Gute daran war, dass ich bei diesem Spiel relativ entspannt sein konnte. Und so begann ich zu kontern:

„Du willst mich mit Schmerzen klein kriegen? Rofl, ich spiel trotzdem heute 4 Stunden MHW! Und weißte was? Persona 5 kommt auch noch dazu! Das sind über 120 Stunden Controllerspaß! F*** dich, du blöde Schmerzkrankheit. Du kannst mich mal! Ach und Gitarre spielen willst du mir auch vermiesen? Gut! Dann spiel ich jetzt halt Bass. Da muss ich noch stärker in die Saiten drücken und mich mehr anstrengen. Dich bekomm ich klein, du garstiges Stück Sch*****!“

Das Ende vom Lied: Ich bin zurück in Lordran und überglücklich. Klar bin ich nicht geheilt. Klar tun mir die Hände oft noch weh. Klar habe ich manchmal keine Kontrolle über sie und mir fällt z.B. wie gestern die Teedose aus der Hand, sodass der ganze Inhalt den grauen Büroboden ziert. Aber das alles ist seltener und schwächer geworden. Spaß am Zocken, Lebensqualität, Lebensfreude und sogar Motivation zu Schreiben, sind wieder in mein Leben eingezogen.

Ganz nach meinem Motto „Never give up, never surrender“3, gehe ich jetzt Dark Souls zocken. Und werde dabei fluchen wie eine mies gelaunte Kanalratte, während ich mich übelst über das Game freue. Es gefällt mir sogar so sehr, dass ich es heute auch für die Switch gekauft habe, um es unterwegs spielen zu können 

So long,
Sunny

1 An dieser Stelle liebe Grüße an meinen lieben Freund Kevin. Keiner flucht so schön kreativ wie du. Besonders dieses Bild hat es mir angetan, weshalb ich es für diese Textstelle unbedingt entleihen musste.

2 Könnte Fibromyalgie reden, hätte sie mir das an 5 von 7 Tagen gesagt.

3 By Grabthar’s Hammer, ich liebe Galaxy Quest!

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