Hilfe, der EP-Leecher kommt online!

Gaming with Friends Teil 4

In der Gaming-Szene, insbesondere bei MMORPG, gibt es ein Phänomen, das sich RP nennt. RP steht für Rollenspiel und bezeichnet in diesem Kontext etwas, das nichts mit diesen gesellschaftlich nicht anerkannten Doktorspielchen zu tun hat. Und zwar etwas anderes, das das im Normalfall weniger obszön, dafür aber noch weniger gesellschaftlich anerkannt ist: Nerdiges Online-Rollenspiel.

Während man sich bei dem Real-Life-Rollenspiel meist als Doktor oder Krankenschwester verkleidet und den Körper des anderen näher unter die Lupe nimmt, ist das Rollenspiel in Onlinespielen irgendwie anders. Es geht weniger unter die Gürtellinie und das Ziel ist – zumindest meistens – nicht die sexuelle Interaktion mit dem anderen Mitspieler. Es geht eher um das ausgeklügelte Ausleben der Geschichte des eigenen erstellten Fantasy-Charakters und beinhaltet dieses Gelaber in einer mittelalterlichen Sprache, mit dem man sich gegenseitig im Chat vollsülzt.

Für das eben ausformulierte Klischee mit der „mittelalterlichen Sprache“ würde mich jetzt wahrscheinlich jeder zockende Historiker, Philologe oder jeder ernsthafte RPler mit historischem Backgroundwissen lynchen. Aber Spaß bei Seite: Wir wissen alle, dass keine der beiden genannten Gruppen existieren. Wie wir bereits in einem meiner älteren Beiträge gelernt haben, sind alle Gamer pickelige Kellerkinder. Selbsterklärend ohne akademischem Hintergrund. Oder hat schon mal jemand einen Geschichts-Professor oder ähnlichen Akademiker bei Mama und Papa im Keller WoW zocken sehen? Nee? Eben. So was gibts nicht!
Nehmen wir nur mal spaßhalber an, diese merkwürdige Konstellation könnte trotzdem existieren. Dieser Mensch könnte euch sagen, dass man im Mittelalter anders gesprochen hat, als man es im Online-Rollenspiel in diversen Fantasy-MMOs umsetzt.
Jedenfalls spricht man in Online-RP in folgender „mittelalterlichen“ Sprache:

„Seid gegrüßt, werter Recke! Der Erfüllung meiner Bestimmung folgend möchte ich Euch in die Gefahren dieser entbehrlichen Reise begleiten und Euch mit meinem noblen Schwert den Rücken frei halten, auf dass kein böser Schurke uns besiegen und in das Reich der Toten überführen kann.“

Tja…. normale Gamer schreiben stattdessen einfach LFG.
(Anmerkung für Nicht-Gamer: LFG steht für Looking For Group. Und nun geht was zocken, damit ihr das lernt und ich es nicht immer klären muss.)

Der Vollständigkeit halber möchte ich anmerken, dass es natürlich auch andere Formen des Online-Rollenspiels gibt, die an das klassische Rollenspiel im realen Schlafzimmer angrenzen, also diversen Doktorspielchen ähneln.
Aber das möchte ich hier aus, sagen wir mal Platz- und Zeitgründen nicht vertiefen. Ich habe heute Abend noch etwas vor und muss vorher mein äh… Krankenschwester-Outfit suchen. Zudem möchte ich darauf bestehen, dass ich selbstverständlich nur die harmlose Nerd-Rollenspiel-Variante praktiziert habe. Und die Tatsache, dass ich am liebsten Support- oder Heilcharaktere spiele, wie z.B. Mercy in Overwatch, aka Dr. Angela Ziegler, ist auch nur ein Gerücht.

Mercyheart-bullet Mercy heart-bullet 

Da mein heutiger Post aber nicht „RP für Arme“ lautet, sondern „Gaming with Friends“, wird es Zeit, dass ich auf den Punkt komme: Ich hatte früher einmal einen Freund, mit dem ich die merkwürdigste RP-Erfahrung meiner Gaming-Karriere gemacht hatte.

Wir lernten uns online in WoW kennen und waren beste Zock-Buddies: Wir haben die Nächte zusammen durchgemacht, gespielt, gelabert und uns regelmäßig gegenseitig besucht, trotz 700km Entfernung. Er war einer dieser Menschen, die immer für einen Zeit haben, immer da sind, immer zuhören und mit denen es viel zu Lachen gibt.
Da wir schon lange keinen Kontakt mehr haben und ich nicht fragen kann, ob er hier namentlich verewigt werden möchte, verzichte ich besser auf seinen richtigen Namen und nenne ihn, der Anonymität halber, weiterführend X.

X war unterhaltsam, aber auch ziemlich schräg und exzentrisch. Ich würde mal pauschal behaupten, so wie eigentlich viele Leute, die man im Internet so trifft. Ihr kennt das ja. Da lernt man nette Mitspieler kennen, beginnt sie zu mögen und erfährt nach einer Weile, dass sie ein verrücktes, dunkles Geheimnis haben. Wie z.B. dass sie „Hello Kitty Online“ zocken und sich dabei rosa Klamotten mit Rüschen anziehen, obwohl sie einem erzählen, sie hätten keine Zeit, weil sie was Wichtiges im Real-Life zu tun haben.

X und ich mochten beide RP, spielten WoW auf einem RP-PVP-Server und hatten gemeinsam viel Spaß. Nur wurde das irgendwann ziemlich verrückt. Es begann damit, dass X, mein Freund Tom und ich beschlossen hatten auf Horde zu wechseln. Wir hatten da einfach recht nette Leute kennen gelernt und von der Allianz die Schnauze voll. Also suchten wir unsere Rassen und Klassen aus und begannen zu leveln. Und da kam X die zündende Idee. Hatte er bisher immer einen Schurken gespielt und ordentlich Schaden gemacht, so wollte er diesmal einen Priester spielen und nur noch heilen. Und ich meine jedes der drei Worte wörtlich:

Nur. Noch. Heilen.

Begründet war das mit einer „wunderbaren“ Rollenspiel-Story, dass seine süße kleine Blutelfe eine unschuldige Pazifistin war. Sie konnte keiner Fliege was zuleide tun und hatte sofort ein schlechtes Gewissen, wenn sie auch nur den Eindruck hatte, jemandem geschadet zu haben. Ihr liebstes Wort war „Entschuldigung“ und vermutlich war das auch das einzige, das sie sagen konnte, weil sie sonst immer nur am Heulen war.
X benutzte weder Zauber, die Schaden machten, noch den Zauberstab oder sonst irgendeine Waffe. Er schlug auch nicht mit den blanken Fäusten zu. Das einzige was er machte war Tom und mir nachzurennen und uns zu heilen, sobald wir Schaden bekommen hatten.

Nette Sache, immer einen Heiler im Rücken zu haben, denken nun sicher viele. Aber das trügt. An die unter euch, die WoW gespielt haben: Stellt euch den damaligen Schurken vor, denn natürlich hatte ich wieder einen Schurken gespielt. Stellt euch also den damaligen Schurken zwischen Level 7-9 vor, wie er nur mit gammeligen Lederfetzen am Leib und mit einem stumpfen Brotmesserchen bewaffnet auf Gegner einsticht, die ihn nur schief anhusten müssen, damit er wie ein zwartes Gänseblümchen im Orkan einknickt.
Für die, die nie WoW gespielt haben, versuche ich es anschaulich und verständlich zu umschreiben: Versucht mal ne Kokosnuss mit nem Brotmesser zu öffnen. Am besten mit verbundenen Augen und nur einer Hand. Ist ungefähr dasselbe Feeling. Spaß für die ganze Familie garantiert!

Sonea Geistheiler
Die meisten Screenshots aus dieser Zeit sehen so aus: Ich rennend. Vom Geistheiler zu Leiche -.-

Das erinnert zudem auch an die Zeit in Stranglethorn Valley, als uns die Quests auf unserem Level-Niveau ausgingen und wir begannen auf X exzentrisches Beharren, einfach die orangenen und roten zu machen, statt wie normale Gamer einfach die Zeit in Dungeons oder anderen Gebieten zu überbrücken.
Tom und ich hackten somit entnervt auf irgendwelchen Affen und Raptoren herum, die wir aufgrund des niedrigen Levels meist nicht trafen und selbst wenn, nur oberflächlich ankratzten. So kann man auch seine Sonntagnachmittage verschwenden. Unser lieber X hingegen war in seinem Element. Statt tatenlos nebendran zu stehen und Erfahrung (EP) zu leechen wie sonst, hatte er genug zu tun. Es gab für ihn viel zu heilen, weil die Viecher hart austeilten und er verstand deshalb natürlich auch gar nicht, dass unsere Laune mehr und mehr in den Keller rutschte. Allerdings ging das nicht lange, dank dem tollen Konzept der Heil-Aggro heart-bullet Ist schon doof, wenn die KI irgendwann bemerkt, wieso der Schurke und der Feral-Druide nicht sterben und sich die Gegner dann auf den bösen Heiler stürzen. Man sagt zwar, Schadenfreude sei die beste Freude. Aber nur in solchen Momenten weiß man, wie unbezahlbar sie wirklich sein kann 🙂

Aus dieser Zeit stammt auch das berühmte Insider-Zitat eines damaligen Gildenkollegen, der, anfangs die ersten 15 Level, auf Hordenseite mit uns spielte: „Hilfe, der EP-Leecher kommt online – schnell noch ein bisschen weiter leveln.“ Der Spruch war übrigens gefolgt von hastigem Zusammenziehen und Wegschnetzeln aller Gegner im Umkreis. Manchmal glaube ich, wir haben da mal kurz das gesamte Blutelfen-Startgebiet leer gefegt, um die Zeit noch zu genießen, bis X in der Gruppe und mit seiner Pazifisten-Priesterin namens Elsi angereist war.

Man darf es eigentlich fast gar nicht sagen, aber so ging es bis Level 40. Das war mehr als die Hälfte der Level, die es damals in Burning Crusade gab. X schien mit der Zeit zu bemerken, dass Tom und ich ihn am liebsten frittiert hätten. Nur zu dumm, dass es kein Friendly Fire gab.
Und so kam es zu einem mehr oder weniger kurzweiligen (im Klartext: sehr langweiligen) RP-Event, das unser Blutelf-Priesterchen befähigte im „Rausch der Gerechtigkeit“ wenigstens Heilig-Zauber anzuwenden, die an Gegnern Schaden machten, sobald diese ihre Freunde, also uns, angriffen. Tom bezeichnete es danach immer sehr treffend: „Dann rappelt es X mal wieder und es schießen Blitze aus Elsis Arsch.“

RP-Event
Ich bin überrascht, sogar einen Screenshot dieses RP-Events zu haben. Leider muss man sich die Blitze aus dem Arsch selber mit Eigen-Phantasie vorstellen.

Mir ist es bis heute ein Rätsel, wie wir drei es bis Level 70 und X es sogar in den Raid unserer neuen Gilde geschafft hatte. Hatte er doch den Raidleadern stolz von seinem Charakterkonzept erzählt, dass er ohne RP-Grund keinen Schaden zu machen bereit sei UND auch noch keinen einigen Schatten-Zauber gekauft hatte. Und das seit Level 1. Also nie. Für Nicht-WoWler: Schatten-Zauber waren die Skills, die beim Priester am meisten und effektivsten Schaden gemacht hatten. Man muss nicht viel dazu sagen, oder? *seufz* Das ist wie wenn man einen Mixer ohne Abdeckung kauft, ein Auto ohne Sitze oder als Gamer einen Mac.

Mir ist es zudem einerseits ein Rätsel, wieso Freundschaft so weit gehen kann, dass man solche extremen Macken von anderen Menschen akzeptiert und toleriert. Andererseits sind das genau die Situationen, die das Leben bereichern: Selbst nach neun Jahren müssen Tom und ich lachen, wenn wir daran denken, oder einer von uns den Satz „Hilfe, der EP-Leecher kommt online“ in den Raum stellt.

Eure Sunny.

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